Ein Beitrag von Peter Kaiser

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Wenn ich mein Lieblingsgenre in Fotografenkreisen oder bei Fotointeressierten anspreche, kommt sofort die Frage auf: „Was ist Streetfotografie genau und was fasziniert dich daran?"

 

Bevor ich versuche Antworten darauf zu geben muss ich eine Feststellung machen. „Wer einmal flanierender Weise mit offenen Augen und unvoreingenommen durch die Straßen geht, sich Zeit für szenische Beobachtungen nimmt und letztlich seine zunächst diffusen Vorstellungen in befriedigende Fotoergebnisse umwandelt, der wird süchtig“.


Streetfotografie weckt Leidenschaft in einem für die Menschen und ihre sehr individuellen Lebenssituationen im Zusammenhang mit ihrem sozialen Umfeld. Sie findet meistens im urbanen Raum statt und ist immer ungestellt und ungeschminkt. Personen, Lebensumstände und alltägliche Handlungen erzählen fotografisch Geschichten. Abgebildete Menschen sind in der Streetfotografie nicht bestimmte Privatpersonen, sondern Synonyme im Kontext der Location. Es ist z.B. nicht die spezielle Person wichtig wie bei einer Berichterstattung, sondern der Ausdruck und die Ausstrahlung des Individuums. Ebenso müssen Streetfotos nicht unbedingt Personen- oder Personengruppen enthalten, sondern können es auch aussagekräftige und eindeutige Hinweise auf das Leben in dem dargestellten Umfeld geben.sein.


Gerade wenn man die Streetfotografie kennenlernen möchte, ist es sehr hilfreich sogenannte "Trigger" auszuwählen. Trigger sind Objekte (z.B. Bänke) oder Themen (z.B. Parallelitäten von Form und Farbe) die man in den Fokus seines Fotogangs rückt, um sich von der Vielzahl der Motive nicht zu sehr ablenken zu lassen.
Fotos der Straße enthalten oftmals nachdenkliche, amüsante und liebenswerte Beobachtungen des städtischen Treibens. Auf die Abbildung von Menschen in entwürdigenden Situationen verzichtet man selbstverständlich.


Gute Streetfotos sind formal einwandfrei und haben einen inhaltlichen Anspruch. Der Bildinhalt steht absolut im Vordergrund und kann auch bei aufnahmetechnischen Schwächen ein beachtenswertes Foto sein. Es muss auf jeden Fall authentisch wirken.


Streetfotografie ist geprägt durch Erfahrung und Antizipation der Situation. Alles geht seht schnell: Wahrnehmung, Motovwahl und der richtige Augenblick für die Auslösung. Deshalb ist die Streetfotografie für viele die hohe Kunst der Fotografie.


Um dem gerecht zu werden, sollten mögliche Einstellarbeiten an der Fotokamera schon zuhause oder vor dem „Ernstfall“ vorgenommen werden. Es gelten natürlich bei der Streetfotografie die gleichen situationsgebundenden Fotoeinstellung wie bei allen anderen Motiven auch.

Hier noch ein paar Gedanken zur technischen Umsetzung:
Bei Schnappschüssen können feste Einstellungen (z.B. hyperfokal) sinnvoll sein, um sich besser auf den Auslösemoment konzentrieren zu können.
Festbrennweiten (35 mm oder 50 mm Kleinbild) bedingen eine bestimmte Nähe zum Objekt vor. Ein Vorbild sind hier die alten Meister der Streetfotografie (z.B. Henry Cartier Bresson mit seiner Leica).
Bei planbaren Aufnahmen kann zunächst der Hintergrund und die eigene Position (u.U. am Vortag) ausgewählt werden. Später lässt man mit viel Geduld das Fotoobjekt „ins Bild laufen“.
Mit der Blende spielen, um Freistellungen und Tiefen zu erzeugen oder lange Belichtungszeiten wählen, damit das Objekt vor dem scharfen Hintergrund dynamisch wirkt sind beliebte Möglichkeiten.

In den folgenden Beispielen gebe ich noch Kommentare zu meinen Fotobeispielen.

1. Fußball spielende Kinder in einem kalabrischen Dorf; Trigger: Kinderspiel

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Kinder beim Spielen zu beobachten fasziniert uns immer wieder, weil sie Natürlichkeit und eine starke soziale Beziehung ausdrücken. Das Umfeld ist die Bühne für ihre Lebenskultur. Deshalb sollten diese Bilder nicht zu eng beschnitten werden.

2. Angeln am Kai von Teneriffa; Trigger: Freiräume

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Es wird Aktion und atmosphärische Wirkung in Beziehung gesetzt. Die Streetfotografie versucht über die fotografische Abbildung die Gefühlswelt auszudrücken (hier Ruhe und Spannung/Entspannung).

3. Barbier in der XL Factory von Lissabon; Trigger: Arbeitswelten

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Die Handlung auf den Punkt gebracht erzeugt eine Spannung zwischen den Beteiligten. Man beschneidet das Foto nach der Regel: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

4. Fußball WM 2018, aufgenommen in Riez (Frankreich); Trigger: Menschenmengen

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Ausgelassenheit, Lebensfreude und Feiern wollen sind menschliche Bedürfnisse, die internationalen Zusammenhalt erkennen lassen. Personen im Vordergrund bringen Perspektive und Tiefe ins Bild.

5. Straßenmusiker in NY; Trigger: Musik

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Straßenmusik ist Teil unseres Lebens im städtischen Raum und strahlt Atmosphäre aus, wenn sie authentisch fotografiert wird. Der Musiker versinkt in sich.

6. Rikscha-Fahrer vor einem Theater; Trigger: Kulturstätten

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Urbane Kultur ist darstellbar durch Hinweise auf der Straße. Wie hier vor einem Theater in NY wird eine Szene nach Vorstellungsschluss zum Auslöser einer ganzen Geschichte. Minik und Gestik erzeugen die Spannung.


7. Nächtliche Gasse in Neapel; Trigger: Licht und Schatten

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Stimmungsauslöser sind Licht und Schatten, Klarheit und Verschwommenheit, die Menschen in abendlichen Situationen zum Mittelpunkt des Geschehens machen können.

8. Frauen mit ähnlichen Hüten im Hafen von Rhodos; Trigger: Parallelitäten

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Immer wenn Parallelen das Bild prägen (hier die Hüte und die unscharfen Säulen) kann der Betrachter von einem Parallelelement zum anderen wechseln. Das Auge darf in der Streetfotografie auch mal springen.

Einige werden sich sicherlich fragen, warum ich ausschließlich S/W-Beispiele gewählt habe. Deshalb noch eine wichtige Bemerkung zum Schluss.

Streetfotos werden zum größten Teil in schwarz-weiß ausgeführt. Das liegt einerseits in der Historie der Analogtechnik alter Zeiten begründet. Andererseits haben S/W-Fotos einen inhaltlichen Fokus und lenken durch Entsättigung der Farbe oder originärer S/W-Aufnahmetechnik weniger vom Hauptmotiv und von der Hauptaussage ab. Dogmatisch sollte man jedoch nicht sein, denn dort wo Farbe einen Mehrwert der Bildaussage erzeugt, ist sicherlich ein Farbfoto notwendig (siehe z.B. Meyerowitz):